Musiktradition

Jazz in Thüringen

Thüringen (Mitteldeutschland) hat eine große Musiktradition.

Das beginnt bei den Minnesängern im Hochmittelalter, führt über Händel, Bach, Schütz, Telemann bis zu Brahms, Liszt, Reger und viele andere, die in dieser Region wirkten. Damit endet aber nicht die Musikgeschichte, wie viele Aktivitäten der Neuzeit zeigen: Von den Frühlingstagen Neuer Musik über den Orgelsommer in Thüringer Dorfkirchen oder dem Festival „Güldener Herbst“ gibt es ganzjährig Beispiele dafür und mit dem „Kunstfest Weimar“, der „Kulturarena Jena“ oder dem TFF Rudolstadt (um nur einige wenige zu nennen) gibt es auch die Podien für das Musikschaffen unserer Zeit.

In diese Vielfalt bringt sich der Jazz in Thüringen mit seiner Geschichte und mit seinen Geschichten ein.
Keine 20 Jahre, nachdem Jelly Roll Morton behauptet hatte „I found the jazz!“, spielte man solche Musik auch schon hierzulande – nämlich mit den legendären Bauhauskapellen in Weimar Anfang der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts entstand hier in Thüringen eine der ersten Spielstätten des Jazz auf dem europäischen Kontinent.

Während Ende der Goldenen Zwanziger in den europäischen Metropolen noch wild geswingt wurde, wurde hierzulande der Jazz viel zeitiger als andernorts in Europa abrupt verboten. Bereits 1928 hatte ein Thüringer Kultusminister, Mitglied der NSDAP, diese Musik als „entartet“ kategorisiert. Im Untergrund aber pflegten die „Swing-Heinis“ von Eisenach bis Weimar diese Musik auf eine widerständige Weise fort.

Nach 1945 war bis Anfang der fünfziger Jahre der Sender Weimar einer der Produzenten für jazzige Tanzmusik im Nachkriegsdeutschland. Bis eine „Musikwissenschaft“ in Folge Bitterfelder Konferenzen konstatierte, dass der Jazz das „barbarisierende Gift des Amerikanismus in die Herzen und Hirne der werktätigen Menschen“ trage und deshalb aus dem offiziellen Kulturleben der DDR verschwinden musste. Aber auch in der dieser Zeit war Jazz widerständig genug und überlebte in kleinen Freundeskreisen, die gemeinsam Schallplatten hörten, später in Form von Gospel- und Blueskonzerten in Kirchen, noch später (hauptsächlich) in den Studentenclubs des Landes. Nach neuer kulturpolitischer Auffassung, dass Jazz eine Protestmusik der im Kapitalismus unterdrückten Werktätigen, vor allem in der USA, sei, duldete man diese Musik zunächst.

Gefördert hat man den Jazz in der DDR erst in den achtziger Jahren.

In dem Moment, als mit der Entwicklung des Free Jazz ein ästhetisch-formaler Aufbruch erfolgte, und neue Elemente, Haltungen, Erfahrungen in diese Musik einfließen konnten, entstand so etwas wie eine DDR-spezifische Jazzmusik – und die wurde auch international nachgefragt.

Für die DDR-Kulturpolitik war dabei weniger die ästhetische Entwicklung interessant, als vielmehr der Fakt, dass man auch mit Jazz die dringend benötigten, „harten“ Devisen ins Land holen konnte.

In Thüringen ist der Jazz jener Jahre durch eine Vielfalt an Aktivitäten charakterisiert: In Eisenach entstand bereits 1959 der erste ostdeutsche Jazzclub. In den Studentenstädten Ilmenau, Weimar, Jena, Erfurt oder in den Kulturbundklubs von Nordhausen bis Sonneberg, von Altenburg bis Bad Salzungen gab es zahlreiche Konzerte, und damit auch eine ungewöhnlich große Dichte an Jazzclubs, Arbeitsgemeinschaften oder Freundeskreisen. Und schließlich wurde Weimar vom damaligen Kulturministerium auserkoren, die beiden „Nationalen Jazztage der DDR“ auszurichten.

Jazz ist zu allen seinen Zeiten immer auch ein Markenzeichen der Thüringer zeitgenössischen Kunst gewesen. Seine Geschichte ist noch wenig reflektiert, beweist aber auch auf eine bemerkenswerte Weise, dass Jazz in Thüringen – wenn schon nicht obenauf in einem internationalen Maßstab – so doch immer mittendrin (auch im internationalen) Geschehen gewesen ist.

Im neuen Jahrtausend hat Thüringens Jazz, wie der ostdeutsche Jazz überhaupt, viel von seiner gesellschaftspolitischen Wirkungsmöglichkeit und von seiner Reibungsfähigkeit verloren. Es droht die Gefahr, dass Jazz in Thüringen (in Mitteldeutschland) von den internationalen Trends und Entwicklungen abgehängt wird – obwohl er doch viele Jahrzehnte lang schon so viel einzubringen hatte ...